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Rückblick: KLIMAFLÜCHTLINGE ALS PARADOX INTERNATIONALER POLITIK


Der Referent müsse seinen Vortrag mit einer Enttäuschung beginnen, sagte er. Wer gekommen sei, um zu hören, wie schrecklich die armen Klimaflüchtlinge zu bemitleiden seien und wie rasant steigend ihre Zahl in den kommenden Jahren sein wird, wie hilf- und schutzlos sie den dramatischen Klimaveränderungen auf unserem Planeten ausgesetzt und auf die Hilfe der sogenannten 1. Welt angewiesen sein werden – der könne direkt wieder gehen.
Es war ein kontroverser Einstieg in ein schwieriges Thema, das immerhin in den letzten Jahrzehnten weiter und weiter nach oben gerutscht ist auf der Tagesordnung der U.N. und vieler politischer und Non-Governmental-Organisations. Chris Methmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaften an der Universität Hamburg, war gekommen den Zuhörer wissen zu lassen: Klimaflüchtlinge gibt es nicht. Und: es gibt sie doch.

Nicht der Klimawandel sei zu bestreiten. Wohl aber die Tatsache, dass Menschen allein aufgrund seiner direkten Auswirkungen freiwillig ihre Heimat verließen und damit nicht nur ihr gewohntes Leben, sondern auch ihre Kultur, ihre Identität zurückließen. Als diese „direkten“ Auswirkungen werden z.B. Dürre, das Ansteigen des Meeresspiegels und Extremwetter genannt. Doch was ist mit indirekten Faktoren, etwa Entwaldung und Umweltzerstörung (die die Grundlagen für Arbeit und Nahrung entziehen), der Entstehung von Krankheiten oder dem Anpassungsdruck Betroffener? Und sind denn alle als „direkte“ definierte Faktoren tatsächlich Folgen des Klimawandels? Methmann nennt das Beispiel des Dynamitfischens, was zur Zerstörung von Korallenriffen führt – und somit zum Ansteigen des Meeresspiegels. Welche Faktoren werden also nun berücksichtigt in der Definition des „Klimaflüchtlings“? Und welcher zeitliche Aspekt spielt dabei eine Rolle? Wie weit im Voraus dürfe man ein Visum beantragen, weil die eigenen Stadt voraussichtlich in soundso vielen Jahren unter Wasser steht?

Die Bilder des Taifun Haiyan auf den Philippinen sind um die Welt gegangen. Und eben diese Bilderwelt macht er zu seinem 2. Ansatzpunkt. Stets würden Klimaflüchtlinge mit Klischees dargestellt: nicht weiß, sondern meist auf sehr traditionelle Weise lebende Menschen auf dem Land oder in der Natur, oft in Zelten oder inmitten einer Tierherde dargestellt.

Dieses Bild, gezeichnet von nicht direkt Betroffenen, sei rassistisch. Und es schüre Angst in westlich kultivierten Gesellschaften, dass eine regelrechte Flut von Migranten über sie käme, die Teil haben wollen an unserem Wohlstand und aufgrund der Masse das wirtschaftliche und sozialpolitische System ins Wanken brächten. So ehrbar es sein mag, eine weitere Kategorie „legitimer“ Flüchtlinge zu schaffen – sollte es uns nicht in 1. Linie darum gehen, darüber zu diskutieren und alles in unserer Macht stehende zu tun, den Klimawandel abzuwenden? Warum erscheint die sogenannte 1. Welt als Retter in der Not und nicht als großer Teil des Problems? Ist es nicht gerade unser Lebensstil, der diese Effekte hervorgerufen hat?

Das Thema Klimaflüchtlinge ist nicht nur kontrovers diskutiert worden, es ist auch sehr komplex. Dass es in nördlichen Breitengraden mehr diskutiert wird (oder werden kann) als in südlichen, eher betroffenen Regionen, steht schon für sich. Vielleicht sollten wir in die Diskussion auch endlich die Frage einwerfen, was wir tun können, um nicht nur für jemanden zu sprechen, sondern auch zuzuhören. Und nicht zu vergessen: es geht nicht nur um kulturelle und gesellschaftliche Fragen und Probleme, die auftreten – in 1. Linie geht es um unseren Planeten und was wir tun können, ihn zu retten.