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StartseiteVortrag: "Traumatisierung und Identitätsentwicklung in der Fremde. Interkulturelle Psychotherapie mit Flüchtlingen und MigrantInnen"

Die Referentin Dr. med. Graef-Calliess

Vortrag von Dr. med. Graef-Calliess über interkulturelle Psychotherapie mit Flüchtlingen und Migrant*innen"

Wie viele Asylsuchende nimmt der Staat auf? Wo sollen die Asylbewerber*innen wohnen? Wie, und in welchem Maße, wird die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Hygieneutensilien ermöglicht? Das sind üblicherweise die Fragen, mit denen sich die Politik beschäftigt. Dabei wird außer Acht gelassen, dass hinter diesen empirischen Variablen Menschen stehen, deren Bedürfnisse und Nöte auch anderer Natur sind. Die Gründe für ihre Flucht sind oft Krieg, Gewalt und Unterdrückung im eigenen Land, was nicht nur körperliche, sondern auch seelische Narben hinterlassen kann. In Deutschland sind nach einem Unfall oft schnell Notfallseelsorger*innen zur Stelle. Wenn traumatisierte Asylsuchende in Deutschland ankommen, sind auf dem Weg zu einer psychotherapeutischen Behandlung erst viele Hindernisse zu überwinden. Im Rahmen unserer Vorlesungsreihe „Flucht und Asyl“ beschäftigten wir uns am 11. November mit Traumatisierung von Flüchtlingen und deren Identitätsentwicklung fernab ihrer Heimat.

Den über 300 Zuhörer*innen im Audimax der Universität Leipzig gab Frau Dr. med. Iris Tatjana Graef-Calliess einen Einblick in ihre Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen. Sie arbeitet am Zentrum für Transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Wahrendorff Hannover

Der Wechsel in ein fremdes Land an sich ist oft schon eine starke Belastung. Die Dozentin beschrieb Migration allgemein als einen Risikofaktor, als einen „Zustand, der schief gehen kann“. Bei Asylsuchenden sei die Gefahr zur psychischen Instabilität sehr erhöht, da ihre Entscheidung, ihr Herkunftsland zu verlassen, nicht als freiwillig betrachtet werden kann; die Umstände in ihrer Heimat lassen ihnen in der Regel kaum eine andere Wahl. Zusätzlich zu dieser Zwangslage erwarten sie in Deutschland weitere Hürden wie das Arbeitsverbot, unwürdige Unterbringungen, alltägliche Ausgrenzung aus der Gesellschaft und eine zunächst nicht verständliche Sprache – all das geht mit schwerer emotionaler Belastung einher. Oft entstehen daraus Depressionen oder Angstkrankheiten, bei ohnehin schon kriegstraumatisierten Flüchtlingen wird deren Symptomatik oft noch verstärkt.

Dabei bräuchten genau diese traumatisierten Menschen eine schnelle Behandlung: Nicht selten muss Graef-Calliess Gutachten ausstellen, in denen steht, dass das Trauma ihres Patient*innen aufgrund der zu langen Nichtbehandlung chronisch und irreversibel ist. Im Vortrag von Dr. med. Graef-Calliess, die auch die Forschungsgruppe Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover leitet, wurden Missstände im zu stark bürokratisierten Gesundheitssystem deutlich, die eine psychotherapeutische Behandlung von Asylsuchenden eher verhindern als ermöglichen.

Dolmetscher*innen seien vom staatlichen Gesundheitssystem bei derartigen Behandlungen nicht vorgesehen, andere Kosten, wie die durch das große Einzugsgebiet verursachten Fahrtkosten, seien im Budget ebenso nicht enthalten. Dabei sei das Budget für eine therapeutische Behandlung ohnehin schon sehr eng bemessen. Die Therapieform sollte sich gegebenenfalls der kulturellen Prägung des Patient*innen anpassen, da die hierzulande praktizierte Psychotherapie üblicherweise mehr Wert auf kognitive, das Denken analysierende Behandlung legt, jedoch in vielen Kulturen üblicherweise Traumata stärker somatisch (ergo körperlich) verarbeitet werden.

Gemeinschaftsunterkünfte seien für traumatisierte Patienten nicht tragbar, konstatierte Graef-Calliess, da diese die traumatischen Erlebnisse immer wieder triggern würden. Eine Therapie werde letztendlich erst dann unterstützt, wenn die Person höchst suizidal sei. Diese Ausführungen machten sehr deutlich, dass hier großer Handlungsbedarf in der Gesundheitspolitik bei Asylsuchenden besteht.

November 2013, Anna-Lena Erhard