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Nadine Maiwald, Moderator Alex Schwarz und Marlies Sonntag

Häusliche Gewalt an Frauen: „Kann mir das auch passieren?“

Gewalt im familiären Bereich zählt immer noch zu den häufigsten und gleichzeitig am meisten verschwiegenen Verbrechen in unserer Gesellschaft. Anlässlich des "Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt an Frauen" machten wir deshalb auf "Häusliche Gewalt an Frauen in Deutschland" aufmerksam. Zuerst zeigten wir einen Charity-Spot, der das Ausmaß des Problems veranschaulichen soll, auf dem Foyer des Campus'.

Im Mittelpunkt stand jedoch das Podiumsgespräch: Rund vierzig interessierte ZuschauerInnen kamen am Donnerstagabend ins Hörsaalgebäude, um mehr über das Thema zu erfahren. Unsere beiden Referentinnen freuten sich sehr über dieses Publikum, da ihren Erfahrungen nach zu ähnlichen Veranstaltungen zu häuslicher Gewalt weniger Menschen kommen – leider scheint das Thema die meisten nicht besonders zu interessieren.

Als erstes berichtete Marlies Sonntag über ihre Arbeit bei der Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking (KIS) Leipzig und über ihre Erfahrungen mit dem Autonomen Frauenhaus Leipzig. Dort können Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, zusammen mit ihren Kindern auf freiwilliger Basis und für unbegrenzte Zeit Zuflucht finden. Sie erhalten Hilfe, die es ihnen ermöglichen soll, wieder ein normales, selbstbestimmtes Leben zu führen, sagte Sonntag: „Die meisten Frauen können wir erfolgreich dabei unterstützen, ihr Leben wieder neu zu organisieren.“ Sorgen äußerte sie über die geringen finanziellen Zuwendungen von staatlicher Seite, die das Frauenhaus auch von Spendengeldern abhängig machen würden und jedes Jahr neu um die Finanzierung bangen ließen.

Mit einer Präsentation stellte Nadine Maiwald vom Anwältinnenbüro Leipzig dar, auf welche juristischen Schritte Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking zurückgreifen können. Ihr Fazit: „Besonders seit dem Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2002 hat sich vieles zum Positiven verändert.“ So können seitdem Täter per gerichtlicher Eilanordnung der gemeinsamen Wohnung verwiesen werden, was das Aufsuchen von Frauenhäusern nicht mehr in demselben Maße nötig macht.

Darüber, wie sich die Situation um Migrantinnen, die häusliche Gewalt erfahren haben, darstellt, waren sich die beiden Referentinnen einig: Sprachprobleme seien allgemein ein hohes Hindernis und würden den Zugang zum deutschen Rechtssystem erschweren. Auch würden je nach Aufenthaltsstatus sich viele Migrantinnen aus Angst vor einer Abschiebung nicht trauen, ihre Rechte innerhalb der ersten drei Jahre ihrer Ehe wahrzunehmen.

Urteil des OLG München, 1995

Einstimmig war auch ihre Feststellung, was den Umgang mit häuslicher Gewalt in den verschiedenen sozialen Milieus angeht. Auf diese würden sich die Fälle von häuslicher Gewalt zwar gleichmäßig verteilen, aber Frauen aus einkommensstärkeren Schichten hätten weit größere Hemmungen davor, rechtliche Schritte in Anspruch zu nehmen. Als Grund wurde genannt, dass der soziale Status des Lebenspartners jedwede Anschuldigungen unglaubwürdig machen würde. Solche richterlichen Beschlüsse wie der aus dem Jahr 1995, welcher rechts zu sehen ist, seien heutzutage aber zum Glück nicht mehr möglich, so Maiwald. Damals entschied das Oberlandesgericht München, dass ein Mann, der vom Beruf her Rechtsanwalt war, unmöglich seine Frau schlagen würde – er hätte durch seine gesellschaftliche Position bewiesen, „dass er an sich in der Lage ist, sich diszipliniert und angepaßt zu verhalten.“

Solche Gründe und die – bestehende oder ehemalige – enge Beziehung zwischen Täter und Betroffener, führten oft dazu, dass Frauen lange mit ihrem gewalttätigen Partner zusammenlebten. Hinzu käme das immer noch vorhandene und gelebte Rollenbild, die Frau müsse für die Harmonie in der Beziehung sorgen. Wenn Er zuschlage, fühle deshalb auch Sie sich oft schuldig. „Also versucht sie, ihn zu beschwichtigen. Wenn er sich zum Beispiel jedes Mal aufregt, wenn sie zu Freunden geht, bleibt sie zu Hause“, sagt Sonntag. Sehr oft verlieren Frauen in dieser Zeit ihren Freundeskreis, was die Situation natürlich noch verschlimmert.

Auch Kinder hätten starken Einfluss auf die Gewaltbeziehung: Einerseits können sie die Betroffene dazu anhalten, weiter mit dem Täter zusammenzubleiben. Auf der anderen Seite wendet sich die Gewalt des Mannes oft auch gegen die Kinder, sodass deren Mutter auch aus diesem Grund die Beziehung beendet. In solchen Fällen spiele das Jugendamt eine große Rolle. Vor allem seien Kinder auch immer selbst von der Gewalt betroffen, selbst wenn sie nicht selbst körperlich misshandelt werden. Die Gewalt eines Elternteils gegenüber des anderen führe immer zu Traumata beim Kind.

Eine Frage stand zum Schluss im Raum: „Kann mir das auch passieren? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht, ich kann es nicht ausschließen“, sagte Maiwald. Denn die Gewalt entwickle sich schleichend, wie eine Spirale: „Ich habe noch keine Frau erlebt, die nach dem ersten Schlag zu uns gekommen wäre“, erzählt Sonntag. Zuerst ginge es meist um Beschimpfungen. Alles könne mit einem „Du Schlampe!“ für ein angebranntes Essen beginnen, meint Sonntag. Nach den ersten Gewalttaten bereuten die Täter oft ehrlich. „Sie beteuern, so etwas käme nie mehr vor und sie wüssten gar nicht, was sie da geritten habe. Wir nennen das die Rosenphase.“ Doch bei jedem Mal ließe die Reue nach und nehme die Gewalt zu. Neben der körperlichen Gewalt sei besonders fatal, was psychisch mit den Frauen geschehe: Ihr Selbstbewusstsein werde komplett zerstört. Oft könnten sie ihre Situation überhaupt nicht mehr reflektieren und beendeten die Beziehung erst, wenn sie schon Angst um ihr Leben hätten. Im Extremfall, wie ihn eine Klientin Maiwalds erlebte, schaffen sie den Schritt erst nach zwölf Jahren in einer gewalttätigen Beziehung.